Amateurfunk wird Amateur Radio
2014-01-19 09:14
An der Wende von den 70er- zu den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte der CB-Funk in Österreich seine Blütezeit. Der Amateurfunk beobachtete diese Entwicklung mit Reserviertheit: In vornehmer Zurückhaltung nahm er den Zulauf aus CB-Kreisen zwar auf, ließ den CB-Funk aber seine Überlegenheit und mitunter auch seine Verachtung deutlich spüren: Wohl befasste man sich auf beiden Seiten mit Technik und Kommunikation - aus Sicht der Funkamateure aber doch auf recht unterschiedlichem Niveau. Nicht wenige Hams grenzten sich daher ganz bewusst vom Jedermann-Funk ab: Als lizenzierter Funkamateur war man "wer" - und man war vor allem "besser"!

In gewisser Weise nahm die damalige Situation das heutige Verhältnis zwischen Funkamateuren und Internetfreaks vorweg: Auch heute befassen sich beide Gruppen mit Technik und Kommunikation, auf beiden Seiten gibt es neben der großen Masse ausgesprochene Könner und Spezialisten - und heute wie damals umgeben sich zahlreiche Old Men nur allzu gern mit dem Nimbus des Herrenreiters: Sie schauen distanziert und überlegen vom hohen Ross auf alles herab, was "nur" Internet ist und niemals Amateurfunk sein kann!

Die Frage ist: Wiederholen wir Funkamateure mit dieser Selbstabschottung nicht Fehler aus alten Zeiten? Brüskieren wir nicht abermals - diesmal allerdings ein Gegenüber, das weitaus potenter ist und zudem die Sympathien der Öffentlichkeit genießt? Ganz im Gegensatz zu uns "Störern", "Ortsbildverschandlern" und "Krankmachern"!

Wäre es nicht wesentlich klüger, die beiden "Welten" (die leitungsgebundene und die leitungsungebundene) nicht länger gegeneinander auszuspielen? Könnte man nicht beide Technologien innerhalb eines weiter als bisher verstandenen Technik- und Kommunikationshobbys zusammenführen, amateurmäßig betreiben und vom positiven Internet-Image profitieren? Und natürlich auch von den Möglichkeiten, die das Internet gerade in Verbindung mit dem Amateurfunk bietet?

Ansätze in diese Richtung gibt es in Österreich mindestens seit Inkrafttreten des Amateurfunkgesetzes 1998 bzw. der Amateurfunkverordnung 1999: Damals wurden erstmals offiziell von Seiten der Funkamateure Brücken (sogenannte Gates) zum Internet geschlagen - und je mehr es wurden, desto heftiger eskalierte der Streit: War das noch Amateurfunk - oder bereits Hochverrat?

Die Praktiker kümmerte das wenig: WWC, eQSO, iLink, IRLP, EchoLink, WIRES, iGate, APRS, D-Star, DMR, HamNet, CQ100, HamSphere usw. breiteten sich in allen Teilen der Erde rasant aus und ermöglichten auch Funkamateuren ohne Kurzwellenzugang weltweites Amateurfunkfeeling.

Und wieder griff im deutschen Sprachraum das funkerische Establishment zu fragwürdigen Methoden: Anstatt die neuen Möglichkeiten als zusätzliches Betätigungsfeld zu würdigen und sie als eigenständige, dem Amateurfunk dennoch eng verwandte Entwicklungen zu begreifen, diskreditierte man sie als Telefon, Amateurfunksimulation für Altersheiminsassen, Krückenfunk für Antennengeschädigte, Babyphone - kurz: als Strom im Draht - nichts weiter! Technisch kein Funk und daher auch nicht zum Amateurfunk gehörig. Punkt. Aus. Amen.

Nun weiß man freilich seit Ludwig Wittgenstein, dass die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unserer Welt bedeuten. Das Wort Funk bzw. Amateurfunk zieht in Bezug auf unser Hobby eine solche Grenze, insofern es den "Drahtlosigkeitsaspekt" (engl. wireless) ganz stark in den Vordergrund rückt - viel stärker jedenfalls als etwa das angloamerikanische Amateur Radio. Zwar wird Amateurfunk in der Regel mit Amateur Radio übersetzt, bedeutungsmäßig sind die beiden Ausdrücke Funk und Radio aber nicht wirklich ident: Dies zeigt sich schon darin, dass man im Angloamerikanischen völlig ungeniert von Internet Radio(1) spricht, während das deutsche Gegenstück Internetfunk(2) praktisch nicht existiert. Mit anderen Worten: Radio kann auch dann noch als Radio durchgehen, wenn die Signalübertragung leitungsgebunden (z.B. via Internet) erfolgt; Funk setzt dagegen Leitungsungebundenheit voraus.

Dieser kleine aber beachtenswerte Bedeutungsunterschied zwischen den Begriffen Radio und Funk mag auch der Grund dafür sein, dass in englischsprachigen Ländern von Anfang an verhältnismäßig wenig Vorbehalte gegenüber Gates zwischen Amateur Radio und Internet bestanden, während der deutschsprachige Amateurfunk sich teilweise bis heute vehement dagegen wehrt: Die Grenzen unserer Sprache scheinen tatsächlich die Grenzen unserer Welt zu markieren - auch unserer Hobbywelt!

Langer Rede kurzer Sinn: Der Begriff Amateur Radio ist umfassender als seine deutsche Übersetzung Amateurfunk: Amateur Radio kann bei zeitgemäßer Interpretation neben klassischem Amateurfunk auch alle Spielarten von Amateur Radio over Internet Protocol (ARoIP)(3) integrieren. Wollen wir daher unser Hobby bewusst in Richtung ARoIP erweitern, sollten wir dafür unbedingt die bestehenden sprachlichen Hindernisse aus dem Weg räumen. Lassen wir also endlich auch im deutschen Sprachraum die bedeutungsmäßigen Grenzen des Begriffs Amateurfunk hinter uns und forcieren wir stattdessen den weitaus zukunftsoffeneren und international gebräuchlichen Begriff Amateur Radio.(4)

____________________

1 Google findet für "internet radio" im Juni 2009 beispielsweise 18.300.000 Stellen, im Jänner 2012 bereits 60.600.000! Diese rasante Zunahme zeigt deutlich, wohin sich der Begriff Radio entwickelt!

2 Für "Internetfunk" findet Google ebenfalls im Jänner 2012 lediglich 889 Stellen.

3 Amateur Radio over Internet Protocol (ARoIP): IP-basierte Kommunikation von Radio Amateuren untereinander unter behördlich registrierten Amateurfunkrufzeichen (HamNet, EchoLink, D-Star, DMR, HamSphere, QsoNet/CQ100 usw.)

4 Dies gilt sinngemäß auch für andere Zusammensetzungen mit dem Wort Funk: So würde beispielsweise der Funkamateur in analoger Weise zum Radio Amateur, der neuerem Begriffsverständnis zufolge nicht mehr auf Funk allein festgelegt ist.
Re: Amateurfunk wird Amateur Radio
2014-01-19 10:42
Ein sehr ausführlicher Beitrag , lieber Alfred .

Es liegt in der menschlichen Natur , seine eigene Meinung oder seine zugehörige Gruppe als die einzig wahre anzusehen . Extreme Beispiele sieht jeder täglich z.B. in der Religion , woanders sprengen sich Menschen gegenseitig in die Luft, obwohl doch die umstehenden Menschen ( fast ) alle Moslems sind und somit solche Art von Morden auch der Heilige Koran verbietet . Irregeleitete junge Menschen durch die vermeintliche alleingültige Wahrheit einer Auslegung einer Interessengruppe .

Funkinteressierte sind auch nur eine Reflektion der Gesellschaft ,entsprechend findet man egoistisch sowie aufgeschlossene Menschen , Aufrufe bewirken in der Regel nichts , die Zeit schafft Veränderungen ganz von allein .
Mein Fazit : Es wird nie eine Gemeinsamkeit geben , dann wäre man nur soviel Wert wie der andere, das aber reicht den Meisten nicht . So ist es auch bei uns, von der Einführung der C-Lizenz in den 60igern über lizenzfreien Funk ( CB ) und sogenannter Anfängerlizenz bis zur Abschaffung von CW als Kurzwellenzugangsvoraussetzung , immer die selbe Arroganz vieler , drahtgebunden in Verbindung mit Amateurfunk ist da nur ein weiter Stein des Anstosses .

Laß sie reden ....

73 Uli
Re: Amateurfunk wird Amateur Radio
2014-01-20 00:39
Dem kann ich mich nur vollumfänglich anschließen. Auch ich begann in den 70er Jahren (neben CB-Funk) zunächst mit der C-Lizenz und musste mir so manch arroganten Spruch (der "besseren" Funker) anhören.
Dabei waren es oft gerade diejenigen, die von Technik und Hochfrequenz-Elektronik deutlich weniger Ahnung hatten als ich und auch nicht so das Interesse daran. Teils sogar Leute aus dem Nahbereich, die später ihre Geräte zu mir zum Abgleich bzw. Reparatur brachten.
Dennoch habe ich dieses Hobby immer gerne und lange Zeit ausgeübt und es war eine regelrechte "Sucht" damals. :-)

Die Abgrenzung wird es immer geben und ich fragte mich oft, wie man denn "Amateurfunk" genau definieren will. Für den Einen gehört z.B. CW zwangsläufig dazu, während ich das überhaupt nicht brauche (zwar gelernt - damals war es noch "Pflicht" - aber danach nie wieder angewendet habe).
Andere zählen Packet-Radio zwangsläufig dazu, wieder Andere RTTY usw. Obwohl auch das alles eher "Computer-basiert" ist und eigentlich mit "Funk" herzlich wenig zu tun hat. Das ursprüngliche "Morsen & Quatschen" per Funk ist im Laufe der Zeit immer mehr in den Hintergrund gerückt, wo sind da die Grenzen?

Andererseits ist Amateurfunk auch in erster Linie "Experimentier-Funk" (per ursprünglicher Definition), und dazu gehören halt auch wieder diese neuen Technologien. Why not? Nur weil man es selbst nicht nutzt/mag bedeutet das ja nicht, dass all diese Techniken keine Daseinsberechtigung im Amateurfunk hätten.
Leben und leben lassen, warum dieses "Übereinanderstellen" bzw, Grüppchenbildung?

Der (nicht nur deutsche) Amateurfunk hat sich schon sehr früh die ersten Heim-Computer (in den frühen 80er Jahren) zunutze gemacht und integriert, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, zumal ich auch beruflich damit zu tun hatte.
So viel hat sich gar nicht geändert. Es entstand das "öffentliche" Internet 1989/90 für "Jedermann", später gabs die ersten Gateways zwischen HF und Internet... Telefon-Provider tun heute nichts anderes... (VoIP -> Funk/GSM-Basen -> Leitungsnetz -> .... usw.). Was soll daran verwerflich sein?
Es ist die heutige Technik.

Für mich stellt sich immer die Frage nach der Intention zum Amateurfunk: Was will ich, "Technik-Fummeln" oder einfach mich nett unterhalten?
Brauche ich dazu zwangsläufig Hochfrequenz? Muss ich unbedingt Weltmeister im QSO/Länder-Sammeln werden? Muss ich mit 2 KW durch die Gegend plästern, damit mich auch ja jeder (auch der Nachbar im Fernseher) hört?
Oder reicht nicht auch kleinere Leistung und bei evtl. unterkünftiger Antenne eine lokal begrenzte Reichweite für das Hobby aus?

Für mich persönlich habe ich es zuletzt so beantwortet, dass meine "wilden Jahre" längst vorbei sind und es mir inzwischen ausschließlich um die "nette Kommunikation" geht. Deshalb habe ich mich vor einigen Monaten für HamSphere entschieden, weil ich es damit auf sehr einfachem Wege realisieren kann. :)
Seinen Weg muss jeder selber finden - ohne den Anderen zu verurteilen, wenn der es anders sieht.

LG
Jörg

73 and good DX from Jörg :-)
JO31ok
Bochum / Germany
Re: Amateurfunk wird Amateur Radio
2016-12-06 11:14
hallo,ich kann mich nur anschliessen.manche "amateurfunker" waren ja damals so verblödet und schauten verachtend auf uns CB-funker herunter.dabei haben diese wichser alle selbst mit cb angefangen,zumindestens 80% davon.aber heute in zeiten des handys ist mir das auch egal und viele dieser vögel grüssen mich heute nicht mehr weil ich nach ende der 80,er aufgehört habe als die meisten cb,ler nur mehr am handy erreichber waren.sei,s drum.liebe grüsse aus wien oe1gss.
Sorry, only registered users may post in this forum.

Click here to login